Ich bin ein Träumer
Text aus Katalog Wiener Festwochen 1982 „Vom anderen Theater“

Als ich etwa 12 Jahre alt war, wollte ich einen Fluggleiter bauen; ein Mittelding zwischen einem Lilienthalgleiter und den Deltadrachen, die wir heute kennen. Das Gerüst sollte aus besonders dünngewachsenen Stangen sein, und für die Bespannung waren Plastiktischdecken aus dem elterlichen Betrieb vorgesehen.
Ich kappte ein paar dieser Stangen im Wald; dabei erinnere ich mich noch gut an die Angst, die ich hatte, dass der Bauer kommen könnte. Sobald nun einige dieser Stangen verbunden waren, bemerkte ich, dass mein so "genial konstruierter Gleiter viel zu schwer werden würde. Mit dieser Erkenntnis gab ich das Vorhaben" einen Flieger zu; bauen, auf, um mir sogleich aus dem Material eine schöne Hütte zu bauen.
Die Liebe zum Konstruieren, erfinden und Improvisieren, der Drang, auch meine Ideen zu verwirklichen, hat sich bis heute in mir erhalten, ja sogar verstärkt.
Meine Eltern, meine Lehrer und meine Freunde sagten mir immer wieder, wenn ich übersprudelte vor Begeisterung für meine eigenen Ideen, daß ich ein Träumer sei, und sie hatten recht damit.
Ich träume meine "Träume", im Schlaf wie im Wachsein, und wenn ich ein Problem bei der Realisierung dieser habe, lege ich mich hin und träume mögliche Lösungen des Problems.
Es wird behauptet, daß für einen erwachsenen Menschen acht Stunden, Schlaf am Tag genügen. Ich glaube nicht, daß das stimmt. Ich schlafe 12 bis 14 Stunden am Tag; so habe ich Zeit zum Träumen, und ich finde, das sollte jeder tun. - Die Einfälle kommen so direkt aus dem Unterbewußten; erst das Realisieren diese ist bei mir zum Großteil Sache des bewußten Denkens.
Meistens brauche ich recht lange, um etwas zu verwirklichen. Deshalb arbeite ich immer an mehreren Projekten gleichzeitig. Nur in der unmittelbaren Endphase einer Arbeit konzentriere ich mich ausschließlich auf diese.
Meine Arbeitsweise ähnelt der der Mägen einer Kuh: Ich muß meine Ideen, wiederkauen, um sie verwerten zu können.
Vor vier Jahren, als ich in der Akademie an Gewächsbildern experimentierte - ich wollte Organisches mit scheinbar Organischem (der Malerei) verbinden -, kam mir das erste mal die Idee, eine Arche zu bauen, Ihre Form hat sich seit dieser Zeit erheblich verändert; sah die Arche zu Beginn einer Bombe ähnlich und war sie viel zu klein konstruiert, so ist ihre jetzige Form ähnlich der eines Segelschiffes.
Wenn man will, kann man die drei "Ballonsegel" als Uteri interpretieren: einer steht für "Geist", einer für "Gefühl" und einer für "Materie"; alle drei sind mit einer "Nabelschnur" verbunden, wovon eine Abzweigung von dieser zur Erde wiederum die Verbindung mit ihr symbolisieren soll.

Der Bau der Arche war im technischen wie im finanziellen für mich sehr schwierig. Zuerst schrieb ich mehrere, für den Bau in Frage kommende Firmen an, später stellte ich Versuche mit PVC-Folien an, die alle negativ ausfielen, da das Material in der im Verhältnis zum Gewicht stehenden Stärke nicht luftdicht war, geschweige denn heliumdicht. Schließlich kam ich auf dem Umweg über Luftballone auf die Idee, Wetterballone zu verwenden. Ich bestellte sie aus Frankreich und sah, daß die Wetterballone für meinen spezifischen Zweck unbedingt eine Schutzhülle brauchten.
Michael Schultes aus Wien gab mir einen Tip: Ich fertigte Schutzhüllen aus 0,0025 mm starker Isolierfolie, wie sie auch Bergsteiger verwenden. Den fünf Meter langen Rumpf, an dem die Ballone gehängt sind und in dem die Fracht (Pflanzen) untergebracht ist, konstruierte ich so, daß er sowohl der starken Belastung (Wind, Auftrieb, Fracht) standhält und trotzdem nur 3,5 kg ohne Fracht wiegt. Ich erreichte dies, indem ich im Prinzip alles aus Balsaholz baute und eine Verspannung so anlegte, daß der Rumpf die nötige Stabilität erhielt.

Ob es Zeit ist, eine Arche als Mahnmal zu setzen, das zu beurteilen möchte ich jedem selbst überlassen; aber wenn ich mir die Menschen ansehe, wie sie morgens freudlos zur Arbeit hetzen, abends es noch eiliger haben, wieder nach Hause zu kommen, um fernzusehen; wenn ich sehe, wie sich viele auslaugen durch selbst auferlegte Zwänge und welche Angst sie haben vor einem Leben, das sie nicht vorausplanen können, so muß ich sagen, daß es für mich ein Bedürfnis war, all dies auszudrücken. Ich tat es, indem ich eine Arche als Mahnmal baute,

Reinhard Arzberger 1982